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Erzählung als Abenteuer oder Bericht?

(Info:) Was für eine Frage, mögen Sie jetzt denken. Eine Erzählung als Abenteuer oder Bericht? – Jedoch, wer sich für Schauerliteratur (ab Mitte des 18 Jh. in England und Anfang des 19. Jh. in Amerika; dort »gothic fiction« oder »gothic novel« genannt) interessiert, der erkennt in den Erzählungen zwei verschiedene Typen. Die einen erzählen von einer fiktiven Figur, die einen Wunsch oder Problem hat und versucht, dieses zu lösen. Während die anderen über einen Ort oder ein Vorkommnis berichten, wie es auch in einer Zeitung stehen könnte. Diese fiktiven journalistischen Meldungen oder Chroniken werden oft durch erfundene Briefe, Tagebucheinträge oder Zeitungsausschnitte dargestellt, um ihnen Glaubhaftigkeit zu geben.

(Beispiel:) H. P. Lovecraft »Das Tier in der Höhle«, über einen Menschen, der sich in einer Höhle verläuft und verzweifelt den Ausgang sucht, ist ein typisches Abenteuer. (Zum Originaltext).
(Beispiel:) H. P. Lovecraft »Die Katzen von Ulthar« ist ein typischer Bericht, in dessen Mittelpunkt es um die Katzen in dem Dorf Ulthar geht. (Zum Originaltext).
(Hinweis:) Leider sind die deutschen Übersetzungen im Gegensatz zu den Originaltexten noch nicht gemeinfrei.

Inhaltsverzeichnis

Ein Blick weit zurück: Homer »Ilias« und »Odyssee«

Der griechische Dichter Homer (um 850 v. Chr.) gilt als Autor der »Ilias« und der »Odyssee«. Die Wirkung dieser beiden Epen dauert bis heute an.

Das Epos »Ilias« erzählt in 24 Büchern (Gesängen) über die letzten 51 Tage des 10-jährigen Kriegs der Griechen gegen die Stadt Troja. Die Stadt, die in der heutigen Türkei lag, wurde im Altertum auch »Ilios« genannt. Das zentrale Thema der »Ilias« ist der Zorn, nicht nur gegen Paris von Troja, der die schöne Helena von den Griechen geraubt hatte, sondern auch unter den Griechen selbst, die der Belagerung müde sind. Die Götter ergreifen Partei für die eine oder andere Seite und greifen selbst in das Kriegsgeschehen ein. Die »Ilias« endet mit dem Tod des trojanischen Helden Hector.

Die Fortsetzung ist das Epos »Odyssee«, wieder in 24 Gesängen, in dem die Irrfahrten des Griechen Odysseus von Ithaka beschrieben werden. Der Meeresgottes Poseidon hindert ihn an einer schnellen Heimfahrt. Das berühmte trojanische Pferd wird im achten Gesang beschrieben. Mit dessen Hilfe erobern die Griechen Troja. Der zweite Held der »Odyssee« ist Telemachos, der Sohn des Odysseus, der sich aufmacht in Begleitung von Athene, getarnt als Mentor, seinen Vater zu suchen. Vater und Sohn bekämpfen am Ende die Besetzer ihres Palastes auf Ithaka. Die Göttin Athene vermittelt im folgenden Streit zwischen Odysseus und den Verwandten der Getöteten.

Die Wirkung von Homer bis heute

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (1904 – 1987) entdeckte in der »Odyssee« ein Motiv, das er in vielen anderen Mythen auch fand: Die Heldenreise. Der Autor James Joyce bezeichnete 1939 dies als »Monomythos«. Denn eine solche Erzählung eine fest zusammenhängende Form hat und weltweit so in Mythen auf der ganzen Welt vorkommt.

In einer solchen Erzählung geht es in der Hauptsache um eine fiktive Figur, die mehrere Stadien ((1:) Waise, (2:) Wanderer, (3:) Krieger und (4:) Märtyrer), meist chronologisch, durchläuft. Campbell benannte innerhalb der vier Stadien 12 Stationen, die der Held erlebt: Es beginnt in der gewohnten Welt. Es folgen der Ruf zum Abenteuer, eine Verweigerung, das Treffen mit einem Mentor, den ersten Schritt tun, Bewährungsproben bestehen, der Abstieg in die tiefste Höhle, der Entscheidungskampf, die Belohnung, der Rückweg, die Verwandlung und schließlich Rückkehr in die gewohnte Welt.

Viele, vor allem amerikanische Filme, folgenden den Motiven der Heldenreisen wie die »Star Wars«-Filme. Auch andere Autoren wie Blake Snyder (1957 – 2009) nutzen die Heldenreise, um wie in »Save the cat« eine Anleitung zum Schreiben von Drehbüchern zu geben.

Die Grundstruktur in Märchen

Die vier Stadien, die Campbell für die »Heldenreise« festgestellt hat, finden sich auch in den (deutschen) Märchen wieder. Es beginnt in der »alten« Welt ((0:) Es war einmal …). ((1:) Und eines Tages …) geschieht etwas, sodass der Held etwas unternehmen muss. ((2:) Gerade als alles gut geht …) passiert dann doch ((3:) in letzter Minute) etwas. Doch am Ende ((4:) lebten alle glücklich). Das märchenhafte Happy End ist nicht die einzige Möglichkeit für ein Ende. Im Drama werden alle traurig und weiser, während in der Tragödie am Ende gestorben wird.

Das Abenteuer

Das Motiv der »Heldenreise« kann man auch als Abenteuer (mittelhochdeutsch Âventiure) beschreiben. So besteht das mittelalterliche Heldenepos »Das Nibelungenlied« aus 39 Âventiuren. Die Figuren im Nibelungenlied haben unterschiedliche Wünsche und Probleme (Siegfried will Kriemhild heiraten, König Gunter will Brunhild heiraten, die beiden Frauen geraten in Streit, Brunhild lässt Siegfried töten und Kriemhild will Rache für den Tot Siegfrieds), die sie erreichen oder lösen wollen und die sie schließlich alle in den Untergang führen. Die Hauptfigur in einem Abenteuer ist fast immer aktiv, packt an, sucht gegen alle Widerstände nach einer Lösung für seinen Wunsch oder Problem. Ebenso sind nahezu alle Märchen der Brüder Grimm Abenteuer wie auch die Heldensagen.

Der Bericht

In einem Bericht sind die Figuren eher namenlos, undefiniert und passiv. Das, was ihnen passiert, bringt die Erzählung voran. Spannung entsteht oft durch eine (ungestellte) Frage oder Aussage/Behauptung zu Beginn. (Beispiel:) So beginnt die Kurzgeschichte »Die Katzen von Ulthar« mit dem Satz: »Es heißt, in Ulthar, das jenseits des Flusses Skai liegt, darf niemand eine Katze töten: […]«
Dadurch fragt sich der Leser: warum? Diese Frage wird in der Kurzgeschichte erklärt (berichtet).
(Beispiel:) Der letzte Satz heißt dann auch in H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte »Und am Ende erließen die Bürger dies bemerkenswerte Gesetz […], daß in Ulthar niemand eine Katze töten darf.«

Unter den Märchen der Brüder Grimm konnte ich zwei Berichte finden: »das Märchen vom Schlauraffenland«, das nur eine sehr fantasievolle Beschreibung über die Zustände im Schlaraffenland darstellt, und das Märchen »Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben«, das als Warnung für die Kinder gedacht es, dieses nicht zu tun. (Vermutlich beruht es sogar auf einer wahren Begebenheit.)

Auch viele Volkssagen sind die Berichte, wenn es zum Beispiel darum geht, warum ein Ort einen bestimmten Namen trägt.
(Beispiel:) Ludwig Bechstein »Der Franken Furt« erzählt, den Gründungsmythos der Stadt Frankfurt am Main, (siehe:) https://www.projekt-gutenberg.org/bechstei/dtsagen/chap068.html, und beschreibt, wie der fränkische Kaiser Karl der Große in Bedrängnis durch die Sachsen keinen Übergang über den Main fand. Eine Hirschkuh zeigte ihm eine Furt durch den Fluss, sodass Karl und seine Gefolge entkommen können.

Roman und Kurzgeschichten als Abenteuer oder Bericht?

In Kurzgeschichten von den Volkssagen bis zu modernen Short Stories findet sich auch der zweite Typ, der Bericht wieder. Durch die Kürze des Textes ist es dem Autor möglich, den Leser mit einem fiktiven Bericht zu unterhalten, wie sich der Leser auch von einem realen Zeitungsbericht unterhalten lässt. Kurzgeschichten können also Abenteuer oder Bericht sein.

Das Abenteuer braucht mindestens einen aktiven Helden, der einen Wunsch oder Problem hat, das es zu erreichen oder zu lösen gilt. Dieses Element findet sich in allen Romanen wieder. Auch wenn der Autor die Idee einer bestimmten, abstrakten Katastrophe hat, die über eine Region oder die ganze Menschheit hereinbricht, so wird dies doch immer exemplarisch an einigen wenigen Figuren gezeigt, welche Auswirkung dies hat oder wie sie damit umgehen. Somit kann man sagen: Roman = Abenteuer.
(Frage:) Kann ein Roman aus einem fiktiven Bericht bestehen?
(Antwort:) Nein. Der Roman braucht die handelnden Figuren um Emotionen (zum Leser) zu transportieren, somit muss ein Abenteuer enthalten sein.

Homer »Ilias« und »Odyssee« – Abenteuer oder Bericht?

(Frage:) Wie ist das mit den Epen von Homer?
(Antwort:) Noch einmal der Blick zurück. Die »Ilias« besteht aus mehreren Heldensagen und kann damit ganz klar den Abenteuern zugeordnet werden.
Die »Odyssee« im Gegensatz dazu ist ein Zwitter. Der Held Odysseus hat das klare Ziel, in seine Heimat zurückzukehren. Doch seine Irrfahrt entsteht durch den Willen eines Gottes, der Dummheit seiner Mannschaft und durch Naturgewalten wie die Winde des Aeolus. Odysseus‘ Reise führt ihn gegen seinen Willen an verschiedene Orte im Mittelmeer und er berichtet den Phaiaken davon, die ihm zwischenzeitlich aufgenommen haben. Somit ist die »Odyssee« ein Abenteuer und ein Bericht (Reisebericht).

Die Heldenreise, die auch Grundlage des Grimm’schen Märchens »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« ist, findet sich in den Heldensagen aus der und über die Ritterzeit wieder. Das Abenteuer gipfelt in der Moderne in dem Filmgenre Roadmovie, das in den 1960er Jahren in den USA entstanden ist. Die Reise als Metapher (Sinnbild) für die Suche nach dem Glück, der Freiheit oder der Identität der Hauptfigur.

Ein modernes Beispiel

(Frage:) Gibt es in der modernen Literatur auch ein Zwitter wie die »Odyssee«?
(Antwort:) Der britische Schriftsteller Douglas Adams (1952 – 2001) schrieb 1978 für die BBC eine satirische Science-Fiction-Hörspielserie mit dem Titel »Per Anhalter durch die Galaxis«. Die Geschichte entwickelte er danach weiter und es entstanden fünf Romane, eine TV-Serie, ein Kinofilm, ein Computerspiel und anderes. Je nach Medium enthielten die Geschichte andere Gags oder widersprachen sich in einigen Punkten.

Die Hauptfigur Arthur Dent wird durch Umstände, für die er nichts kann, zu Beginn durch die Sprengung der Erde für eine Hyperspace-Umgehungsstraße, von einem Ort zu einem anderen gebracht. Er ist dem Schicksal ausgeliefert, wie einst der Held Odysseus den Launen des Gottes Poseidon. In der Taschenbuchausgabe des ersten Romans im ersten Kapitel erklärt der Autor, dass es eine Geschichte »über diese furchtbar dumme Katastrophe und einiger ihrer Folgen« geht und es sei »die Geschichte eines Buches, eines Reiseführers mit dem Titel Per Anhalter durch die Galaxis«. Somit ist der Roman und seine Fortsetzungen beides: Abenteuer und Bericht. Diese Kombination findet man in der Literatur jedoch selten.

Der »Bericht« in einer Erzählung

Es lassen sich »Berichte« in einer Erzählung einbauen bzw. in bekannten Geschichten finden. Hier bei müssen jedoch folgende Arten von Berichten unterschieden werden:

  • Eine fiktive (journalistische) Reportage oder Nachricht. Dies ist auch die Definition eines Berichts als Abgrenzung gegenüber dem Abenteuer. So etwas findet man vor allem in Erzählungen des 18. und 19. Jahrhundert.
  • Ein Brief oder Tagebucheintrag einer dritten Person wird wortwörtlich oder als Zusammenfassung einer Figur (und damit auch dem Leser) zur Kenntnis gebracht.
    (Beispiel:) Der Roman »Dracula« von Bram Stoker beginnt mit einem Brief, in dem die Figur Jonathan Harker seine Reise nach Transsilvanien beschreibt.
  • Eine Erzählung innerhalb einer Geschichte, die von einer Figur nacherzählt wird (erkennbar durch indirekte Rede) oder Wechsel der Erzählperspektive in die Ich-Form.
    (Beispiel:) In der Sherlock-Holmes-Geschichte »Das Musgrave Ritual« von Sir Arthur Conan Doyle berichtet Homes seinem Freund Watson über das Ritual.
  • Eine Erzählung innerhalb einer Rahmenhandlung, die eine Figur aus der Rahmenhandlung den anderen Figuren erzählt. Die Binnenhandlung ist meist ein (Art) Kurzgeschichte, die aus einem Abenteuer besteht.
    (Beispiel:) So enthalten die drei Märchen-Almanache der Jahre 1826 bis 1828 von Wilhelm Hauff jeweils eine Rahmenhandlung (»Die Karawane« (1826), »Der Scheich von Alessandria und seine Sklaven« (1827) und »Das Wirtshaus im Spessart« (1828) jeweils fünf bis acht eigenständige Kurzgeschichten.
    Diese Art der Klammerung von Kurzgeschichten ist leider heute nicht mehr üblich, (schade).
    (Beispiel:) Steven King hat mehrere Romanfragmente in der Erzählung »Die Leiche« (verfilmt als Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers) untergebracht. Diese Fragmente unterbrechen die Rahmenhandlung und haben nur sehr wenig mit dieser zu tun. (Hinweis:) Die Erzählung »Die Leiche« stammt aus der Kurzgeschichtensammlung »Frühling, Sommer, Herbst und Tod«.

Fazit

Alle längeren Erzählungen (Roman) sind Abenteuer. In ihnen kann es »Berichte« geben, die als Einschübe eine eigenständige Kurzgeschichte im Sinne eines Abenteuer sind oder Berichte in Form von Briefen, Tagebucheinträgen oder Nacherzählungen von Ereignissen, die für die Handlung relevant sind bzw. sein sollten.

(Ende.)