Spannung in Geschichten ist messbar

(Info:) Die Spannung in Geschichten ist messbar und planbar. Es braucht nur einfache Kennzahlen, die durch die Bedürfnispyramide geliefert werden.

Die Spannung in Geschichten ist meßbar und planbar. Es braucht nur einfache Kennzahlen, die durch die Bedürfnispyramide geliefert werden.
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Inhaltsverzeichnis

1. Was ist Spannung?

Was Spannung in einer Erzählung ist, das beschreiben die folgenden sechs Zitate:

  • Spannung ist das tiefe Verstehen des Protagonisten.
    (Peter Bieri)
  • Das Warten auf etwas Schönes erzeugt positive Spannung und Gefühle.
    (Lily Braun)
  • Spannung ist Kaugummi fürs Gehirn.
    (Alfred Hitchcock)
  • Jede Art von Spannung MUSS auch wieder aufgelöst werden. Man erzählt ja auch keine Witze ohne Pointe.
    (Ray Bradbury)
  • Spannung ist alles und Entladung. Und höchste Lebensweisheit, seine Spannung immer richtig zu entladen.
    (Christian Morgenstern)
  • Humor ist das einzige Lösungsmittel für Schrecken und Spannung.
    (James Thurber)

Natürlich sind alle diese Aussagen richtig; sind sie jedoch auch verständlich? Aus der Sicht der Leser ist Spannung ein Zustand der Unsicherheit. Es ist ein Gefühl, das durch eine Erwartung entsteht und auch mit dem Begriff »Nervenkitzel« umschrieben wird. Spannung kann als Frage ausgedrückt werden: »Wie geht es aus?«, »wie geht es weiter?«, »wer ist der Täter?« und so weiter. Um eine Erwartung zu wecken, kann der Leser mehr wissen als die Hauptfigur, auf dem gleichen Wissenstand sein oder weniger wissen als die Hauptfigur (was sich oft frustrierend anfühlt).

Spannung (engl. Suspense) sollte nicht mit Überraschung (engl. Surprise) verwechselt werden. Wobei die Überraschung eine gute Methode ist, um eine Spannung aufzulösen; dazu jedoch später mehr. Alfred Hitchcock beschrieb das sinngemäß so: Eine brennende Lunte an einer Bombe bringt Spannung und lässt sich über eine gewisse Zeit aufrechterhalten. Die Bombe, die plötzlich explodiert, ist eine Überraschung und ein Schreck, der nur sehr kurze Zeit anhält.

Tension: Surprise, Suspense und Mystery

In der wissenschaftlichen Literatur begegnet man dem englischen Begriff »Tension« (Anspannung) als Oberbegriff zu »Surprise» (Überraschung), »Suspense« (Spannung) und »Mystery« (Geheimnis, Rätsel).

Surprise (Überraschung) ist ein für Leser und/oder Figuren unerwartetes Ereignis. Dabei kann das Ereignis bereits erwartet worden sein, jedoch nicht Zeitpunkt, Art und Umfang. Die Hauptfigur fühlt sich verfolgt (Spannung) und der eigentliche Angriff ist dann die Überraschung. Die Überraschung basiert auf der Unvorhersehbarkeit.

Suspense (Spannung) wird als Spannungsbogen beschrieben. Es ist der ganze Zeitraum von einer Erwartung oder Ankündigung bis zur Auflösung (Erfüllung oder Verhinderung). Die Spannung basiert auf der Vorhersehbarkeit.

Mystery (Geheimnis, Rätsel) kann Teil einer Erzählung sein oder die Grundlage einer Erzählung sein. Die Genres Krimi, Thriller und Mystery basieren auf dem Lösen eines Geheimnisses oder Rätsel, wie »wer hat es getan?«. Die Spannung basiert auf dem Vorenthalten bzw. auf dem Zusammensammeln von Informationen.

Puzzle (Puzzle) ist ein Spezialfall des Mysterys. Es werden im Laufe einer Erzählung verschiedene Aspekte enthüllt, die erst am Ende ein erkennbares Bild ergeben.

Spannung ist das tiefe Verstehen des Protagonisten

Peter Bieri meint damit, dass sich der Leser für die Hauptfigur interessieren muss. Er muss dessen Problem verstehen, sich in die Figur hineinversetzen: Empathie empfinden. Denn sonst besteht die Spannung nur eine Frage mit verzögerter Antwort.

Das Warten auf etwas Schönes erzeugt positive Spannung und Gefühle

Zu diesem Zitat von Lily Braun gibt es wenig zu sagen. Man denke nur an die Kindheit und das Warten auf die Bescherung am Heiligen Abend. Jedoch erzeugt das Warten auf etwas Unangenehmes, Schreckliches oder Grauenvolles auch Gefühle und bei dessen Verhinderung am Ende Erleichterung.

Spannung ist Kaugummi fürs Gehirn

Alfred Hitchcock meinte damit, dass gute Spannung das Gehirn beschäftigt, wie ein Kaugummi den Mund. Mitreißende Spannung lässt den Leser seine reale Welt ausblenden und tief in eine fiktive Welt eintauchen. Der Leser ist dann im »Flow« und vergisst alles um sich herum, auch seine Mündigkeit morgens um vier Uhr.

2. Was für Spannungstechniken gibt es?

Wie oben erklärt gibt es Punktspannungen, Spannungsbögen und Rätsel-Spannungen.

Punktspannung

Die wichtigste Frage für den Leser lautet: »Wie geht es weiter?«

  • Beinah herausgefunden oder entdeckt: Eine Figur ist auf der Suche oder der Flucht. Leser glaubt, er werde gleich die Lösung finden oder entdeckt werden. Doch zur Überraschung des Lesers geschieht etwas Unerwartetes, und verhindert die Erfüllung der Lesererwartung.
  • Akute Bedrohung: Der Figur steht etwas Unangenehmes bevor, das durch eine neue Wendung aufgelöst oder verzögert wird.
  • Action: Viel Bewegung, wenig Zeit, hohes Erzähltempo und immer neue Wendungen (Überraschungen) liefern Punktspannungen und lassen den Leser in diese Phase nicht zur Ruhe kommen.

Spannungsbogen

Die wichtigste Frage für den Leser lautet: »Was ergibt sich daraus?«

  • Außergewöhnliches wie besondere Fähigkeiten, Orte, Objekte, Blickpunkt oder Perspektive erzeugen durch ihre Ungewöhnlichkeit Spannung. Es wird dem Leser eine völlig andere Herangehensweise oder Leben gezeigt.
  • Zukunft, Wunsch oder Vision: Andeutungen, Hinweise auf zukünftige Ereignisse, das Ausmalen künftiges Ereignis im Geist einer Figur erzeugen Spannung. Wichtig dabei ist, dass der Leser die Motivation und Gefühle der Figur nachvollziehen kann.
  • Absicht und Gegenabsicht: Bei jedem Wettkampf will jeder Teilnehmer gewinnen, doch es kann nur einen Sieger geben. Das ist spannend! Jeder Konflikt kann zum Duell von Figuren werden.
  • Hindernisse: Die Figur verfolgt ein Ziel, dann tauchen Hindernisse auf, die sie zuerst umgehen oder lösen muss, bevor sie zu seinem eigentlichen Ziel gelangen kann. Ein Hindernis muss dabei nicht absichtlich von einer Gegenfigur aufgebaut worden sein. Manchmal ist es einfach nur das Leben oder Schicksal, das sich der Figur entgegenstellt.
  • Verstoß gegen Übereinstimmungen, Gesetze oder die Ordnung ist ein besonderes Hindernis. Es geht um Moral und Tabubruch. Wie wird sich die Figur verhalten und was ist der Preis für den Verstoß?
  • Gefahr: Die allgemeine Bedrohung an Leib, Leben, Gesundheit und so weiter erzeugt Spannung, wenn der Leser mit der Figur fühlt, also Empathie für diese hat.

Rätsel-Spannung

Die wichtigste Frage für den Leser lautet: »Wer hat es getan?« oder »warum ist es passiert?«. Rätselgeschichten sind besonders konstruierte Erzählungen, die mit einem Vorenthalten an Informationen spielen.

  • Ende am Anfang: Der Leser erfährt gleich zu Beginn des Endes der Handlung und stellt sich dann (mit einer Figur) die Frage: Wie kam es dazu? Die Erzähllogik folgt dabei meist nicht dem chronologischen Ablauf.
  • Geheimnisse: Ein oder mehrere Rätsel oder Vorgänge müssen gelöst werden. Dazu bleibt der Anfang im Dunkeln und wird erst später erklärt.
  • Fortsetzung folgt: Bei Fortsetzungsgeschichten, mehreren sich abwechselnden Handlungssträngen oder einfach nur am Kapitelende wird kurz vor dem Höhepunkt, der Überraschung oder der Auflösung die Erzählung gestoppt.

Zwei weitere Tricks für mehr Spannung

  • Steigerung der Bedrohung durch Verschärfung der Bedrohung. Immer mehr steht auf dem Spiel. Die Spannungskurve steigt. Dies kann durch die Art der Bedrohung erfolgen: Erst wird die Figur verbal bedroht, dann körperlich und schließlich Unschuldige oder seine Liebsten. Oder die Bedrohung wächst sich von persönlich, zu lokal, regional bis zu einer globalen Bedrohung aus.
  • Überlappung von Spannungsbögen: Bevor eine ältere Spannung (auf)gelöst wird, wird eine neue aufgebaut; am besten mit einer Steigerung.

(Tipp:) Nicht alle Spannungstechniken sind für alle …

  • Textarten einsetzbar. 
  • Plot-Typen einsetzbar.
  • Konflikt-Typen einsetzbar.

3. Warum sind Spannungskurven normalerweise so ungenau?

Mich als Informatiker hat es von Anfang an gestört, dass es in fast allen Büchern zum Thema Schreiben und Spannung die Grafiken von Spannungskurven einfach so gezeichnet sind. Sie sind ungenau, weil es keine Einheiten auf den X- und Y-Achsen gibt. Dabei ist die Spannung in Geschichten messbar.

Der Zusammenhang zwischen Bedrohung und Spannung

Es gibt einen einfachen Zusammenhang zwischen der Bedrohung der Hauptfigur und der Spannung in einer Erzählung: Je mehr für die Hauptfigur auf dem Spiel steht, desto größer ist die Spannung. Eine Beleidigung der Hauptfigur empfindet der Leser weniger spannend, als wenn der Bösewicht die ganze Welt vernichten will.

4. Spannung in Geschichten ist mit Kennzahlen messbar

Auch wenn Germanisten es nicht so mit Zahlen haben, kann man eine Spannungskurve quantisieren und vergleichbar machen. Dazu braucht es nur passende Kennzahlen. Dann könnte die Null (0) für keine Bedrohung bzw. Spannung stehen und eine Neun (9) für die maximale Bedrohung/Spannung.

5. Was ist eine Bedürfnispyramide?

Der US-amerikanischer Psychologe Abraham Maslow (1908 – 1970) veröffentlichte ein Stufenmodell und über die menschlichen Bedürfnisse und Motivationen in einer hierarchischen Struktur. 1943 hatte die Bedürfnispyramide fünf Stufen. Die Basis sind die physiologischen Bedürfnisse (Essen, Trinken, Schlafen), gefolgt von Sicherheitsbedürfnissen (Arbeit, Wohnung, Familie, Gesundheit), sozialen Bedürfnissen (Kontakte, Liebe, Nähe, Sex), Individualbedürfnissen (Vertrauen, Wertschätzung, Selbstbestätigung, Erfolg, Freiheit) und schließlich die Selbstverwirklichung.

Die verbesserte Version der Bedürfnispyramide bestand 1970 aus acht Stufen. Dabei beschreiben die Stufen 1 bis 4 Defizitbedürfnisse und Stufen 5 bis 8 Wachstumsbedürfnisse.

  1. Körperliche Grundbedürfnisse: Sauerstoff, Essen, Trinken, Schlaf, Wärme, Bewegung
  2. Sicherheit: Stabilität, Gesundheit, Schutz, Geld, Arbeit
  3. Liebe und Zugehörigkeit: Akzeptanz, Freundschaft, Intimität, Beziehung
  4. Wertschätzung: Leistung, Anerkennung, Respekt, Kompetenz
  5. Verständnis: Wissen, Verstehen
  6. Ästhetik: Ordnung, Schönheit, Symmetrie
  7. Selbstaktualisierung: Ausschöpfen des persönlichen Potenzials
  8. Selbsttranszendenz: Anderen helfen oder sich mit etwas außerhalb seiner selbst verbinden.

Umgekehrt und eine neunte Stufe

Um den höheren Bedürfnissen größere Zahlen zuzuweisen, habe ich die Nummerierung umgekehrt und eine neunte Stufe für (Über-)Leben hinzugefügt. Damit ist die Spannung in Geschichten messbar.

  1. SELBSTLOSIGKEIT: Opfer bringen, Altruismus, Heldentum.
  2. VERANTWORTUNG: Pflicht, Eintreten für etwas.
  3. GLAUBE: an sich selbst, an andere, an die Welt, an Gott.
  4. AKZEPTANZ, VERGEBUNG: das Selbst, der Umstände, der Realität; von sich selbst oder von anderen
  5. ERLÖSUNG, VERTRAUEN: Sühne, Annahme von Schuld, Reue; in sich selbst, in anderen, im Unbekannten.
  6. LIEBE: Selbstliebe, romantische Liebe, Kameradschaft
  7. FURCHT: Es überwinden, Mut finden.
  8. GRUNDBEDÜRDNISSE: Körperliches.
  9. ÜBERLEBEN: einschließlich des Lebenswillens.

Tabubruch nach der Bedürfnispyramide

Verstöße bzw. Tabubrüche lassen sich ebenfalls nach der Bedürfnispyramide einteilen und auch damit ist Spannung in Geschichten messbar.

  1. Hilfsbedürftigkeit ignorieren
  2. Entfaltung behindern
  3. Beleidigen, Abwerten, Mobben, Eitelkeit
  4. Begehren, Stehlen, Erpressen, Habgier, Zerstören, Neid
  5. Lügen, Betrug, Illoyalität
  6. Untreue, Verführen, Ehebruch, Wolllust, Zersetzen
  7. Entführen, Einsperren
  8. Verletzen, Völlerei, Geiz
  9. Töten, Hilfsverweigerung

6. Die Spannung in Geschichten ist mit Kennzahlen aus der Bedürfnispyramide messbar

Wenn Sie die Kennzahlen aus der Bedürfnispyramide benutzen, dann ist die Spannung in Geschichten messbar. Dazu können Sie entweder die Pyramidenstufen für die Bedürfnisse der Hauptfigur oder die der Tabubrüche der Gegenfigur benutzen. Dies können Sie für die Planung oder die Optimierung einer Erzählung einsetzen.

»Hänsel und Gretel« als Beispiel

Das Märchen »Hänsel und Gretel« soll hier als Beispiel dienen. Die Fassung der Brüder Grimm besteht aus 15 Szenen oder Abschnitten. Für jede Szene lässt sich über die Bedürfnispyramide oder Tabubruch eine Zahl bestimmen, die dann in der Spannungskurve exakt eingetragen werden kann. Es beginnt mit der Kennzahl (Bedürfnis6:) (Untreue der Mutter gegenüber den Kindern) und endet auf diesem Niveau ((Bedürfnis6:) Liebe der Kinder zum Vater). Das Maximum der Bedrohung (Bedürfnis9:) wird in Szene 14 erreicht, wenn die Hexe Hänsel fressen will und Gretel die Hexe in den Ofen stößt.

Die Spannung in Geschichten ist meßbar und planbar. Das Beispiel »Hänsel und Gretel« zeigt die Kennzahlen aus der Bedürfnispyramide.
Die Spannungskurve für »Hänsel und Gretel« zeigt die Kennzahlen aus der Bedürfnispyramide.

»Hänsel und Gretel« als PDF-Datei (170 MByte) zum Downloaden mit den Kennzahlen vor jeder Szene.

Fazit

Mit den neun Stufen können Sie für fremde und eigene Geschichten die nötigen Kennzahlen ermitteln und eine Spannungskurve erstellen. So können einfach erkennen, ob die Erzählung zum richtigen Zeitpunkt das Maximum der Spannung erreicht. Die Kennzahlen für Bedürfnisse und Tabubrüche können Sie außerdem für das Planen von Geschichten einsetzen.

(Ende.)